Reisebericht: Kasachstan 🇰🇿

Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Nach Reisen durch die Mongolei, Usbekistan und Kirgisistan fühlte sich die Welt nach Corona plötzlich kleiner an. Kasachstan stand immer auf meiner Liste, doch wie das Schicksal es wollte, passten Termine und Touren nie zusammen. Bis zu jenem Abend beim Turkologie-Stammtisch meines Freundes Burak.

Dort traf ich Bekir Karaer von Doru Tour. Manchmal braucht es genau so eine Begegnung: Jemand, der die Region nicht nur kennt, sondern sie lebt. Bekir organisierte mir eine Individualreise, die genau das abbildete, was ich suchte. Und so stand ich am 23. September 2025 schließlich auf kasachischem Boden ohne zu ahnen, wie sehr mich dieses Land in seinen Bann ziehen würde.

Astana

Manchmal schenkt einem das Schicksal den perfekten Start, auch wenn man gar nicht der Hauptdarsteller ist. Als ich in Astana mein Gepäck vom Band hievte, erwartete mich hinter den Schiebetüren des Flughafens keine graue Ankunftshalle, sondern ein Meer aus Farben und Klängen.

Eine Fangruppe und eine offizielle Delegation erwarteten eine Gruppe von Ringern, die wohl siegreich von einem internationalen Turnier heimkehrten. Junge Männer und Frauen in prächtigen, traditionellen Gewändern, kasachische Musik, die durch die Halle schallte, und Tabletts mit traditionellen Köstlichkeiten. Ich musste schmunzeln: Was für ein Empfang! Auch wenn die Ehre den Sportlern galt, fühlte es sich für mich wie ein persönliches Willkommensgeschenk Kasachstans an. Mittendrin traf ich dann auf mein Guide für Astana, Frau Ardak, und ihre Fahrerin. Der erste Eindruck? Dieses Land feiert seine Helden – und seine Gäste gleich mit.

Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel war mein erster Blick auf das ‘neue’ Kasachstan. Astana bei Nacht wirkt fast wie eine Vision: breit, sauber, perfekt organisiert. Am Steuer saß eine Frau – im eher traditionellen Zentralasien keine Selbstverständlichkeit, die mich schweigend auf Russisch durch die beleuchteten Boulevards steuerte, während meine Begleiterin Frau Ardak mir die Stadt auf fließendem Türkisch erklärte.

Mein Guide hatte in der Türkei gelebt und brachte diese wunderbare Mischung aus kasachischer Herzlichkeit und anatolischer Redegewandtheit mit. Wir sprachen über die Stadt, die Geschichte und das, was mich in den kommenden Tagen erwartete. Nach einer kurzen Nacht und einem kräftigen kasachischen Frühstück standen wir vor dem Symbol der Stadt: dem Baiterek.

Baiterek: Wo das goldene Ei des Samruk über der Moderne wacht.

Am nächsten Morgen, nach einem stärkenden Frühstück, standen wir vor dem Baiterek. Er ist weit mehr als nur ein Aussichtsturm; er ist die steingewordene Mythologie der Turkvölker. In der Legende ist der Baiterek der „Baum des Lebens“, in dessen Krone der heilige Vogel Samruk ein goldenes Ei legt  das Symbol für Sonne, Leben und Erneuerung.

Die Architektur spiegelt das perfekt wider: Der weite Schaft des Turms als Stamm und die goldene Glaskugel als das Ei des Samruk. Von oben bietet sich ein atemberaubender Blick auf das „geplante“ Astana, das wie ein Reißbrett-Wunder aus der Steppe gewachsen ist.

In der Mitte der Aussichtsplattform befindet sich der berühmte goldene Handabdruck des ersten Präsidenten. Ich musste einen Moment warten, denn vor mir stand eine Gruppe junger Soldaten in Uniform. Frau Ardak erklärte mir, dass es für Rekruten aus dem ganzen Land fast schon eine Tradition sei, hierher zukommen und ihre Hand in den Abdruck zu legen ein Akt der Verbundenheit mit dem Staat und der Geschichte. Als ich schließlich an der Reihe war, fühlte ich die kühle Oberfläche des Goldes und blickte hinaus auf die endlose Weite, die hinter den gläsernen Palästen der Stadt beginnt.

Das größte Zelt der Welt: Nomadische DNA in der Glasarchitektur des Khan Shatyr.

Nach dem Baiterek tauchten wir in eine ganz andere Dimension der kasachischen Moderne ein: das Khan Shatyr. Es ist nicht einfach nur ein Einkaufszentrum, es ist das größte ‘Zelt’ der Welt. Norman Foster hat hier ein architektonisches Statement gesetzt, das die nomadische Tradition des Jurtenbaus in das 21. Jahrhundert katapultiert. Unter dieser riesigen, lichtdurchlässigen Membran herrscht ein eigenes Klima ein faszinierender Ort, der zeigt, wie Astana versucht, das Erbe der Steppe mit globalem Lifestyle zu verbinden.

Dinosaurier und Khane: Wenn Paläontologie auf Turkologie trifft.

Doch mein persönliches Highlight folgte danach: das Nationalmuseum der Republik Kasachstan. Ein gewaltiger Bau aus weißem Marmor und Glas, der einen fast erschlägt. Wenn man durch die Hallen geht, spürt man den Stolz dieses jungen Staates auf seine uralte Geschichte. Besonders die Halle des Goldes hat mich beeindruckt eine perfekte Einstimmung auf das, was mich später in Esik erwarten sollte.

Das Nationalmuseum in Astana ist ein Ort, an dem die Zeitlinien Kasachstans auf faszinierende Weise kollidieren. Für jemanden wie mich, der sich gleichermaßen für Paläontologie und Turkologie begeistert, war es ein wahres Fest. In der einen Halle steht man vor den gewaltigen Skeletten von Dinosauriern, die vor Jahrmillionen durch diese Steppen zogen eine Erinnerung daran, wie alt dieses Land eigentlich ist.

Nur wenige Schritte weiter taucht man ein in die Ära der Reitervölker. Die Ausstellungen zu den Göktürken sind beeindruckend; man sieht die Meißelspuren der Geschichte in den Steinmetzarbeiten und spürt die Macht dieses großen Nomadenreichs. Es ist selten, dass ein Museum diese Brücke so schlüssig schlägt: Von den Fossilien der Urzeit bis zu den archäologischen Schätzen der Vorfahren. Alles unter einem Dach ein Moment, der mich daran erinnerte, warum ich mich in diese Region und ihre Geschichte verliebt habe.

Die Pyramide des Friedens: Ein Garten über der Steppe

In Astana gibt es ein Gebäude, das den Geist des modernen Kasachstans wie kein zweites einfängt: die gläserne Pyramide des Friedens und der Eintracht. Doch bevor man in dieser Architektur dem Licht entgegensteigt, führt der Weg zunächst hinab in eine völlig andere Welt.

Tief im Fundament des Bauwerks verbirgt sich ein prächtiger Opernsaal, der mich völlig unvorbereitet traf. Während die Pyramide von außen kühl und futuristisch wirkt, umschließt einen hier unten eine warme Atmosphäre aus Gold und tiefem Rot, ein kulturelles Herzstück, das buchstäblich die Basis für alles Weitere bildet.

Beim anschließenden Aufstieg durch die Etagen taucht man immer tiefer in die Vielfalt der kasachischen Kulturen ein, bis man ganz oben von einer unerwarteten Ruhe empfangen wird: Ein lichterfüllter, hängender Garten unter der gläsernen Spitze. Zwischen den 130 Tauben, die auf den Fenstern als Symbole für die Völker des Landes in den Himmel ragen, verliert sich der Blick in der Ferne. Hier oben, hoch über den Dächern der Stadt, fühlt man sich der unendlichen Weite der Steppe und dem weiten Himmel gleichermaßen nah.

Ein Hauch von Istanbul an der Ischim

Nach der monumentalen Architektur der Regierungsbauten tat ein wenig menschliche Nähe gut. Wir spazierten durch den Atatürk-Park, der direkt am Ufer des Ischim-Flusses liegt. Inmitten der Gärten und modernen Statuen stießen wir auf ein kleines, charmantes Café.

Es wurde von jungen Kasachen betrieben, die mit einer Begeisterung für die türkische Kultur echtes Istanbul-Flair an den Fluss brachten. Bei traditionellem türkischem Tee und frischer Baklava vergaß ich für einen Moment, dass ich mitten in der kasachischen Steppe war. Es war ein wunderbares Beispiel für die tiefen kulturellen Bande zwischen den Turkvölkern.

Gestärkt setzten wir unsere Tour zu Fuß fort, überquerten eine der kunstvoll geschwungenen Fußgängerbrücken (Atyraubrücke) und ließen die saubere, fast schon perfekt choreografierte Schönheit Astanas auf uns wirken. Zwischen den modernen Glasfassaden und den grünen Parkanlagen spürt man: Diese Stadt will nicht nur beeindrucken, sie will auch genossen werden.

Relikte der Zeit

Astana ist nicht nur Glas und Stahl; überall begegnet man den Gesichtern derer, die dieses Land geprägt haben. Ein absoluter Pflichttermin für mich war das Denkmal von Janibek und Kerei. Als Begründer des Kasachischen Khanats im 15. Jahrhundert sind sie die Urväter der nationalen Identität. Vor ihren stolzen Bronzestatuen zu stehen, fühlte sich an wie eine Verbeugung vor der Geschichte, die ich so lange aus Büchern kannte.

Auf unserem Weg durch die Gärten und entlang der modernen Boulevards stießen wir aber auch auf charmante Zeitkapseln: Eine alte, sowjetische Telefonzelle und ein betagter Pkw aus der UdSSR-Ära standen dort fast wie Museumsstücke unter freiem Himmel. Inmitten der futuristischen Skyline wirken diese Relikte wie kleine Anker der Erinnerung an eine gar nicht so ferne Vergangenheit.

Überall in der Stadt trifft man zudem auf die Büsten und Statuen großer kasachischer Denker und Poeten. Es ist diese Mischung aus dem Stolz auf die alten Khane, der Achtung vor den Gelehrten und dem spielerischen Umgang mit der sowjetischen Geschichte, die Astana für mich so greifbar und sympathisch gemacht hat.

Kurs Süd: Von der Steppe in die Berge

Nach dem Architektur-Marathon in Astana ging es am Abend mit FlyArystan in den Süden. Der Flug ist kurz, aber der Kontrast gewaltig: Weg vom windigen Hochland, hinein in die milde Bergluft von Almaty.

Am Flughafen wurde ich bereits von Duman erwartet. Er sollte mich in den nächsten Tagen tief in den Tienshan begleiten. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass dieser Mann mir bald nicht nur die Schönheit seiner Heimat zeigen, sondern auch zum Helden meines persönlichen „Drohnen-Abenteuers“ am Köl-Sai See werden würde. Aber erst einmal: Ankommen im grünen Herzen Kasachstans.

Ein Interview zwischen den Kurganen von Esik

Der 25. September hielt ein besonderes Highlight für mich bereit. Im Esik-Museum durfte ich ein Interview auf Türkisch über meine Reise und meine tiefen Eindrücke von Kasachstan geben ein Video, das später sogar auf ihrem Social Media Kanal veröffentlicht wurde.

Doch das war noch nicht alles: Dank einer Sondergenehmigung durfte ich meine Drohne über dem abgesperrten Bereich hinter dem Museum aufsteigen lassen. Aus der Vogelperspektive offenbarten sich die monumentalen Kurgane in ihrer ganzen Pracht. Diese uralten Grabhügel der Saken von oben zu filmen, während ich über die gemeinsamen Wurzeln unserer Kulturen sprach, war ein Moment, der Gänsehaut pur auslöste. Geschichte zum Anfassen und zum Fliegen!

Das Geheimnis von Esik: Wo der „Goldene Mann“ erwachte

Das Museum in Esik steht an einem der bedeutendsten Orte der zentralasiatischen Geschichte. Hier, im Jahr 1969, machte der berühmte kasachische Archäologe Kemal Akishev eine Entdeckung, die das Selbstverständnis des Landes für immer verändern sollte: In einem der über 40 Kurgane (Grabhügel) fand er das unberührte Grab eines jungen sakischen Kriegers aus dem 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr.

Der Krieger war von Kopf bis Fuß in über 4.000 goldene Ornamente gehüllt – eine Rüstung, die so prachtvoll war, dass er als der „Goldene Mann“ weltberühmt wurde. Besonders faszinierend: In seinem Grab fand man auch eine silberne Schale mit einer Inschrift in einer frühen Runenschrift, die als einer der ältesten Belege für die Vorläufer der türkischen Sprachen gilt.

Die Perle des Tienshan: Ein Morgen am Köl-Sai-See

Der Weg zum Köl-Sai-See führt tief in das Herz des Kungej-Alatau-Gebirges. Als wir am See ankamen, blieb mir für einen Moment der Atem weg. Es ist eine Kulisse wie aus einem Bilderbuch: Ein tiefblaues Wasser, das so glatt daliegt, dass sich die schneebedeckten Gipfel und die dunklen Nadelwälder perfekt darin spiegeln.

Die Luft hier oben ist so klar, dass man das Gefühl hat, jeden einzelnen Baum auf der gegenüberliegenden Bergseite zählen zu können. Es herrscht eine majestätische Stille, die nur vom fernen Wiehern eines Pferdes oder dem sanften Wind in den Tannen unterbrochen wird. Die Natur wirkt hier noch vollkommen unberührt, fast so, als wäre die Zeit in diesen Hochtälern stehengeblieben.

Es war genau dieser Anblick diese perfekte Symmetrie aus Wasser, Wald und Fels, der mich dazu verleitete, die Drohne auszupacken. Ich wollte diese Erhabenheit aus der Vogelperspektive festhalten, um die Weite und Einsamkeit dieses Ortes für den Blog einzufangen. Doch was als friedlicher Flug über die ‘Perle des Tienshan’ begann, sollte sich innerhalb weniger Minuten in eine nervenaufreibende Rettungsmission verwandeln…

Der GPS-Krimi am Abhang: Drei Stunden zwischen Hoffen und Bangen

Doch die Idylle trügte. Kaum war die Drohne in der Luft, geschah das Unvorstellbare: Vollständiger GPS-Ausfall. Ohne Orientierung driftete das Gerät ab und verschwand irgendwo in den steilen, dicht bewaldeten Hängen des Kungej-Alatau. In diesem Moment blieb mir fast das Herz stehen nicht nur wegen der Technik, sondern wegen der unwiederbringlichen Aufnahmen meiner Reise.

Was folgte, war eine nervenaufreibende, über dreistündige Suchaktion. Gemeinsam mit Duman kämpfte ich mich durch unwegsames Gelände. Die Sonne sank tiefer, die Schatten wurden länger und der Boden unter unseren Füßen immer tückischer. An einer besonders steilen Stelle mit losem Geröll passierte es: Ich verlor den Halt, rutschte weg und schlitterte den Hang hinunter.

Völlig verstaubt und mit dreckigen Kleidern kam ich zum Stehen. Ein kurzer Check: Zum Glück war ich unverletzt, nur der Schreck saß tief. Doch Aufgeben war keine Option. Wir kletterten weiter, bis es fast vollends dunkel war.

Dann der erlösende Ruf von Duman! Er hat die Drohne tatsächlich im dichten Unterholz entdeckt. Als wir erschöpft aus dem Wald abstiegen, empfing uns eine fast surreale Szene: Im fahlen Dämmerlicht standen Pferde auf einer Lichtung, die völlig unbeeindruckt von unserem Drama seelenruhig schliefen. Diese tiefe Ruhe der Tiere nach dem Chaos am Hang war der friedlichste Abschluss, den dieser Tag finden konnte.

Abenteuer Kaindy: Im Sowjet-Wagen zum versunkenen Wald

Der Weg zum Kaindy-See ist nichts für schwache Nerven aber genau das macht den Reiz aus. Da es keine befestigten Straßen gibt, stiegen wir in einen alten, robusten sowjetischen Geländewagen um. Gemeinsam mit einer Gruppe weit gereister Touristen aus Südafrika schaukelten wir über steinige Pfade, durch tiefe Schlaglöcher und mitten durch Flussläufe. Es war ein wilder Ritt, bei dem man sich im Wagen gut festhalten musste, während das Wasser an die Scheiben spritzte.

Nach der Ankunft folgte eine Wanderung durch dichte Nadelwälder, bis sich der Blick auf den See öffnete. Der Anblick der kahlen Baumstämme, die wie Geisterfinger aus dem türkisblauen Wasser ragen, ist surreal und wunderschön zugleich.

Entlang des Waldpfades gab es faszinierende Fotospots, und bei einem konnte ich einfach nicht widerstehen: Ich schlüpfte in eine prächtige, traditionell kasachische Tracht und ließ mir einen mächtigen Steinadler auf den Arm setzen. Für mich war es ein erhebender Moment, diese jahrtausendealte Verbindung zwischen Mensch, Greifvogel und Steppe am eigenen Leib zu spüren. Das schwere Gewand, der durchdringende Blick des Adlers und die Kulisse des Tienshan ein Bild, das meine Reise perfekt zusammenfasst.

Charyn Canyon: Eine Reise durch das „Tal der Schlösser“

Nach den kühlen Bergseen des Tienshan tauchten wir ein in eine Welt aus glühendem Rot und bizarren Felsformationen: den Charyn Canyon. Es ist fast unglaublich, dass nur eine kurze Fahrt zwischen den saftigen Alpenwiesen und dieser staubigen, dramatischen Wüstenlandschaft liegt.

Wir fuhren durch das berühmte „Tal der Schlösser“. Der Name könnte nicht passender sein die Wind- und Wassererosion hat über Millionen von Jahren Skulpturen aus dem Sedimentgestein geformt, die wie verlassene Festungen, Türme und Wächter aus einer anderen Zeit wirken.

Zu Fuß durch die Schlucht zu wandern, während die Sonne die rotbraunen Wände zum Leuchten bringt, ist ein überwältigendes Erlebnis. Man fühlt sich winzig klein zwischen den bis zu 300 Meter hohen Klippen. Für einen Moment vergisst man, dass man in Zentralasien ist; die Landschaft erinnert stark an den Südwesten der USA, hat aber eine ganz eigene, stille Magie der kasachischen Steppe. Der Kontrast könnte an einem einzigen Tag kaum größer sein: Erst die geisterhaften Bäume im eiskalten Kaindy-See und dann die flimmernde Hitze im roten Canyon. Ein absolutes Muss für jeden, der die Vielfalt Kasachstans verstehen will.

Ein unerwartetes Wiedersehen: Die Überraschung in Almaty

Nach den staubigen Pisten des Charyn Canyons und den Abenteuern im Hochgebirge kehrten wir zurück in das pulsierende Leben von Almaty. Ich stand noch ganz unter dem Eindruck der „schlafenden Pferde“ und des „Goldenen Mannes“, als der Abend eine Wendung nahm, mit der ich niemals gerechnet hätte.

Während der gesamten Reise war ich mit Bekir in Kontakt. Er schrieb mir Nachrichten oder rief mich an, gab Hinweise und begleitete mich quasi virtuell aus der Ferne. Ich war fest davon überzeugt, er säße in seinem Büro in Deutschland. Doch als wir auf dem Weg zu einem Restaurant in Almaty waren, passierte es: Plötzlich stand er vor mir.

Bekir war selbst vor Ort! Diese Überraschung war perfekt inszeniert. In einem gemütlichen Restaurant, bei traditionellen Speisen und angeregten Gesprächen, ließen wir die ersten Etappen meiner Reise Revue passieren. Wir lachten über das Drohnen-Drama, sprachen über die tiefe Symbolik der besuchten Orte und genossen die spürbare Herzlichkeit Almatys. Es war genau dieser Moment, der mir klarmachte: In dieser Region reist man nicht als Fremder, sondern als Gast unter Freunden.

Almaty zwischen Musik, Militär und Kunst

Der Morgen begann im Herzen von Almaty, im geschichtsträchtigen Panfilov-Park. Es war ein besonderer Tag: Überall im Park sah man junge Rekruten und Polizisten in ihren feierlichen Uniformen. Es fand eine offizielle Zeremonie vor den massiven Mahnmalen für die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs statt ein Ort voller Stolz und Erinnerung. Inmitten dieser feierlichen Atmosphäre ergaben sich spontane Begegnungen, und ich konnte einige Erinnerungsfotos mit den jungen Polizisten machen, die trotz ihrer strengen Dienstpflicht eine herzliche Offenheit ausstrahlten.

Direkt im Park besuchten wir das Museum für nationale Musikinstrumente. Für mich als Hobby Turkologe war es faszinierend, die Vielfalt der Dombra und Kobyz zu sehen Instrumente, die seit Jahrhunderten den Rhythmus der Steppe vorgeben. Man spürt dort förmlich, wie eng die kasachische Seele mit dem Klang dieser Saiten verbunden ist.

Nach einem stärkenden Mittagessen spazierten wir durch die nahegelegenen Gassen, in denen lokale Künstler ihre Werke ausstellten. In einer Straße voller Ölgemälde blieb mein Blick an einem Bild hängen: Es zeigt ein traditionelles kasachisches Zelt (Jurte) und eine Kasachische Familie ein Motiv, das für mich die zeitlose Geborgenheit der nomadischen Kultur verkörpert. Dieses Bild musste ich einfach mitnehmen; es ist nun mein Fenster zurück in die Steppe, das nun bei mir zu Hause hängt.

Später vertieften wir unsere kulturelle Reise noch in einem weiteren Museum der Stadt, bevor der Tag schließlich seinen kulinarischen und überraschenden Abschluss finden sollte.

Geschichte zum Greifen nah: Das Historische Museum

Nach dem Kunstkauf zog es uns in das Zentrale Staatliche Museum. Für mich war dies ein absoluter Pflichttermin. Besonders die Abteilungen über die frühen Reitervölker haben mich tief beeindruckt. Man sieht dort nicht nur archäologische Funde, sondern versteht die Evolution der nomadischen Lebensweise von der Perfektionierung des Reitequipments bis hin zur hochkomplexen Sozialstruktur der Khanate.

Beeindruckend ist auch die Darstellung der modernen ethnischen Vielfalt Kasachstans. Über 130 Nationalitäten leben hier heute zusammen, und das Museum widmet diesem friedlichen Miteinander viel Raum. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Traditionen der Uiguren, Koreaner, Deutschen und vieler anderer Völker mit der kasachischen Leitkultur verwoben sind. Man spürt: Hier in Almaty schlägt das kulturelle Herz Zentralasiens besonders bunt und lebendig.

Auf Schienen durch die Steppe: Der Nachtzug nach Türkistan

Mein nächstes Ziel lag weit im Süden, an der alten Seidenstraße. Es gibt wohl keine authentischere Art, die Weite Kasachstans zu begreifen, als mit dem Nachtzug.

Das Rattern der Räder auf den Gleisen wurde zum Rhythmus der Nacht. Während draußen die dunkle Silhouette des Tienshan-Gebirges langsam in die unendliche Ebene der Steppe überging, breitete ich meine Decke im Abteil aus. Es hat etwas seltsam Beruhigendes, in einem kasachischen Zug zu reisen: Das leise Murmeln der Mitreisenden und das Gefühl, Raum und Zeit hinter sich zu lassen.

Mit jedem Kilometer entfernten wir uns von den Glasfassaden der Moderne und näherten uns dem Ort, der für uns Türken eine fast mystische Bedeutung hat: Türkistan. Als ich schließlich in den Schlaf fand, träumte ich bereits von den blauen Kuppeln des Yasawi-Mausoleums, die am nächsten Morgen am Horizont auftauchen würden.

Türkistan: Das spirituelle Herz der Turkwelt

Als ich am Morgen aus dem Fenster des Nachtzugs blickte, hatte sich die Landschaft vollkommen gewandelt. Die Berge des Tienshan waren verschwunden, ersetzt durch die unendliche, flache Weite der südkasachischen Steppe. Wir waren in Türkistan angekommen.

Der erste Blick auf das Mausoleum von Hodscha Ahmad Yasawi ist überwältigend. Seine gewaltige, türkisblaue Kuppel überragt alles und leuchtet so intensiv gegen den staubigen Horizont, dass man meint, sie gehöre einer anderen Welt an. Amir Timur ließ dieses Meisterwerk im 14. Jahrhundert errichten, um den großen Sufi-Meister und Poeten zu ehren, der den Islam zu den Turkvölkern brachte.

Vor dem massiven Portal zu stehen, das mit seinen filigranen Mosaiken und geometrischen Mustern die Perfektion der timuridischen Architektur zeigt, war ein Gänsehaut-Moment. Man spürt hier eine ganz andere Energie als in der geschäftigen Metropole Almaty. Es ist eine Stille, die Jahrhunderte überdauert hat. Türkistan wird oft als das ‚zweite Mekka‘ der Turkvölker bezeichnet, und wenn man sieht, wie Pilger aus ganz Zentralasien ehrfürchtig an diesem Grabmal zusammenkommen, versteht man sofort, warum.

Das Venedig der Steppe: Karavansaray

Nur wenige Schritte vom ehrwürdigen Yasawi-Mausoleum entfernt wartete eine Überraschung, die ich in der trockenen Steppe Südkasachstans niemals erwartet hätte. Plötzlich stand ich vor dem Karavansaray, einem modernen Architekturkomplex, der mit seinen Wasserkanälen, Brücken und Gondeln wie ein zentralasiatisches Venedig wirkt.

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite die jahrhundertealte Spiritualität des Mausoleums, auf der anderen Seite ein glitzerndes Märchen aus 1001 Nacht. Ich beobachtete die Boote, die sanft durch die Kanäle glitten, während die Sonne langsam hinter den künstlichen Palästen unterging. Besonders spektakulär ist das „Fliegende Theater“, das in einem riesigen goldenen Ei untergebracht ist eine Hommage an den mythischen Samruk-Vogel, den ich schon vom Baiterek-Turm in Astana kannte.

In Türkistan trifft die tiefe Geschichte der Seidenstraße auf eine fast surreale Moderne. Es ist ein Ort, der zeigen will: Kasachstan ehrt seine Wurzeln, aber es baut auch an einer visionären Zukunft. Zwischen den Kanälen des Karavansaray und der Ruhe des Grabmals spürt man die neue Energie dieser Stadt, die sich gerade neu erfindet.

Abschied von der Steppe: Rückflug über den Bosporus

Der 27. September markierte das Ende einer Reise, die mich tief bewegt hat. Von Türkistan, dem spirituellen Ankerpunkt der Turkischen Welt, ging es zum Flughafen und ab in den Flieger Richtung Istanbul. Während wir über die Kaspische Küste und das Schwarze Meer glitten, ließ ich die Bilder der letzten Tage Revue passieren. Ein Zwischenstopp am Bosporus, dann der finale Flug zurück nach Köln.

In meinem Koffer: Ein schönes Ölgemälde einer Jurte, eine gerettete Drohne mit vielen Aufnahmen und natürlich meiner Tradition treu bleibend viele Bücher in der Landessprache. Es ist dieses Ritual, das mir hilft, ein Stück der Seele jedes zentralasiatischen Landes mit nach Hause zu nehmen.

Mein Resümee: Kasachstan, ich komme wieder!

Wenn ich auf diese Reise zurückblicke, bin ich schlichtweg begeistert. Kasachstan hat mich mit einer Vielfalt überrascht, die man in keinem Reiseführer vollends begreifen kann:

  • Die Kontraste: Von der futuristischen Architektur Astanas bis zu den heiligen, zeitlosen Mauern Türkistans.

  • Die Natur: Vom eiskalten, mystischen Kaindy-See bis zur flimmernden Hitze des Charyn Canyons.

  • Die Kulinarik: Der unvergleichliche Geschmack von echtem Beschbarmaq und anderen Gerichten, die Herzlichkeit, mit der man zu Tisch gebeten wird.

Ich merke gerade, dass ich vor lauter Begeisterung schon viel mehr geschrieben habe, als ich eigentlich geplant hatte, einiges habe ich auch ausgelassen und dabei könnte ich noch stundenlang von den Begegnungen mit Menschen wie Bekir, Duman oder den jungen Polizisten in Almaty oder den Menschen auf den Märkten erzählen.

Eines steht für mich fest: Das war nicht mein letzter Besuch. Die Weite der Steppe hat einen festen Platz in meinem Herzen gefunden. Kasachstan, wir sehen uns wieder!

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